Diese epische Strecke an einem sonnigen Tag durch die Lombardei an die Ligurische Küste fahren war ein wunderbares Erlebnis, ganz besonders weil es keine Massenveranstaltung war. Ich hab’s gemacht und es war großartig, mit etwa 660 Gleichgesinnten diese Strecke zu erleben. Knapp 300 km Radfahren an einem Tag ist schon etwas Besonderes, wenngleich ich berichten kann, so schlimm war das gar nicht.

Hier vorab schon mal die Aufzeichnung aus meinem Garmin. Meine Velofreunde sind schwer beeindruckt und für meinen Tour de France Kumpel Mark aus Canberra bin ich jetzt sogar eine Legende. Es gibt den Satz, was nicht auf Strava ist, hat nicht stattgefunden. So ist das Protokoll auf Strava dann quasi der Beleg.

Die Anreise

Nach einem Tag Sightseeing, Kultur, der Pinacoteca di Brere, Pinacoteca Ambrosiana, dem Museo del Domo und einem tollen Mittagessen in der Galleria Vittorio Emanuelle II wiess mir mein Garmin den Weg ins Teamhotel, dem Ripamonti Residence Hotel in Pieve Emanuele, ein etwas in die Jahre gekommenes Kongresshotel, ca. 20 km südlich vom Zentrum.

Impressionen aus Mailand

Unterwegs fiel mir ein Radfahrer mit bepacktem Trekkingrad auf. Eine kleine Schweizer Flagge wehte aus seinen Satteltaschen und am Schutzblech klebte das Züricher Velo Nummernschild ZH72. Er sah etwas mitgenommen aus mit seinem Bart, den fliegenden Haaren und der ausgezehrten Figur. Wir fuhren etwas zusammen und er offenbarte seine 2 1/2 jährige Reise mit dem Velo um die Welt, nun habe er nur noch ein paar Tage bis nach Hause. Ich sag’s ja immer, Radfahren ist Abenteuer, du weißt nie wem du begegnest. Ich ärgere mich immer noch, dass ich mich ohne Foto verabschiedete.

Im Hotel angekommen, traf ich auf die Gruppe, die wie ich über Günther (milano-sanremo.net) das Paket (Startplatz, Hotels, Gepäcktransport) gebucht hatte, so war ich wenigstens nicht alleine an diesem schon etwas skurrilen Ort. Wer das auch mal für sich plant, kann sich hier anschließen und Günther macht das echt gut.

Der Start

7:00 Uhr Morgens Startaufstellung in 3 Gruppen, die mit ein paar Minuten Verzögerung losfuhren. Meine Nummer, die 240, befand sich in der ersten Gruppe, so war ich gleich ganz vorne mit dabei.

Ein Video vom Start – einer filmt ja immer – zeigt meine ersten Meter, ich bin hier links mit meinem roten Trikot und schwarzer Hose am Start zu sehen.

Das “Rennen”

Die 297 km und knapp 2000 Höhenmeter gliedern sich für mich in 4 sehr unterschiedliche Teile, denn so erlebte ich es als vier verschiedene Abschnitte.

Milano – Acqui Terme

Vom Start weg geht es im ersten Teil etwa 150 km lang nach Novi Ligure, später Acqui Terme, ausschließlich über Landstraßen mit den schlechtesten Straßenverhältnissen, auf denen ich je Rennrad gefahren bin. Schön, nein schön ist das nicht. Sogar Kopfsteinpflaster ist dankbarer, weil es gleichmäßig rattert, hier hoppelst du über die Straße, kriegst Schläge und Stöße und weichst ständig irgendwie aus.

Es geht nur über Land, Anstiege sind nur einige Brücken oder Überführungen, durch Ortschaften oder Dörfer kommt man leider gar nicht. Hier wären breite Reifen mit wenig Druck die Lösung, aber nicht meine Konfiguration mit 23mm/8bar. Hey, aber ich fahre Rennrad und kein Mountain Bike. Das ging ganz schön in die Arme und Handgelenke.

Acqui Terme – Savona

Offensichtlich verfügt man in Ligurien über mehr Mittel für den Straßenbau, als in der Lombardei. Jetzt wurden die Straßen erheblich besser und Freude kam zurück. Im zweiten Teil ab Acqui Terme kamen wir dann in die Hügel, fuhren durch Dörfer und Ortschaften und es begann nach oben zu gehen. Der Mathematiker würde sagen, es ging gleichmäßig stetig nach oben, wirklich nicht schwer. Allerdings brauten sich dunkle Wolken zusammen, Wind kam auf und natürlich hatte ich keine Regenjacke mitgenommen. Eine Regenjacke, wozu, bei dem Wetterbericht? Außerdem waren meine Trikottaschen eh schon mit Nahrung voll gestopft. So war ich dann mit Schimpfen über mich selbst beschäftigt, wie blöd ich wieder sein kann, ohne Regenjacke! “Roland, man fährt nicht ohne Regenjacke in die Berge.”

Je weiter ich nach oben kam um, so mehr betete ich, dass der Regen erst nach der Abfahrt kommen möge, damit ich nicht mit meiner Felgenbremse auf den Carbonfelgen den Berg hinunter eiern muss, wie damals anno 2017 in La Planche Des Belies Filles. Wenn die Carbonfelgen nass sind, greifen die Bremsen entweder gar nicht oder so abrupt und total, dass du über den Lenker fliegen kannst.

Aber Petrus hatte ein Einsehen und es ging gut aus, der Wind legte sich, die Wolken verschwanden und eine tolle Abfahrt hinunter nach Savona lies mein Radfahrerherz jubeln. Die Autofahrer taten sich schwer uns zu folgen, so fuhr ich befreit und glücklich mit 2 Italienern und einem Slowenen dieses Stück zu Ende.

Savona – Imperia

Endlich auf der Küstenstraße heißt der dritte Teil der Strecke. Hier geht’s nun durch all die schönen Dörfer an der Küste die Via Aurelia entlang nach Westen. Nun, es war aber Pfingstsonntag, mit erheblichem Verkehr, aber in die andere Richtung. Unterwegs rätselte ich, warum so viele Menschen am Straßenrand sitzend zur Küste hinunter blicken, da muss doch etwas sein. Es klärte sich dann später auf, als ich Flugzeuglärm hörte und eine F18 über dem Meer fliegen sah. Die italienische Luftwaffe veranstaltete eine Flugshow. Später erfuhr ich, das hätte Tradition.

Nun darf man sich das Küstenstraßenfahren nicht so einfach vorstellen, als ginge das immer flach dahin. Mit dem Auto merkt man die Anstiege nicht, wenn es wieder um die Ecke in die nächste Bucht geht. Und das heißt, es geht dann immer wieder um die 60 bis 110 Höhenmeter nach oben, teils auch bis zu 8% Steigung, runter und wieder rauf und so weiter.

Was diesen Abschnitt für mich immer wieder zu einem Erlebnis macht, sind die Durchfahrten dieser schönen Ortschaften. Im Verkehr mit den Italienern durch die Dörfer brettern finde ich immer wieder einfach super und hinterlasse hier ein großes Kompliment, wie sie sich im Verkehr benehmen. Hier geht’s einfach darum, dass alle voran kommen und nicht ein einzelner.

Imperia – Sanremo

Aber das ist alles nichts, denn im viertem Teil wird es dann nochmal anspruchsvoll. Ich hielt mit einem Italiener an einer Bar, um Wasser & Cola zu holen. Nur 3 Verpflegungsstellen auf 300 km waren nun doch zu wenig, wenn man bei 28 Grad in der Sonne unterwegs ist, braucht man genügend Wasser. Er atmete schwer durch und meinte mit ernstem Gesicht: “Und jetzt kommen die Berge”, so wie wenn wir jetzt noch den Mont Ventoux hinauffahren müssten.

Von einem Bekannten wurde ich vorher auf dieses Stück angesprochen und weil ich das schon mal gefahren bin, verneinte ich den Anspruch, das macht man halt. Aber, Freunde nach 274 km schaut die Sache dann doch etwas anders aus, will sagen, das fordert einen nochmal. So geht das dann 20 km vor dem Ziel plötzlich 6 km mit bis zu 9% hinauf nach Cipressa, wieder runter auf Meereshöhe und dann nochmal 5 km hinauf nach Poggio.

Hier hatte ich einen netten Italiener an meiner Seite, der etwas am Ende war und den ich motivieren konnte. “Hey, wir sind so weit gekommen, den Rest machen wir auch noch”, feuerte ich ihn an und er sagte dann in seinen schlimmsten Momenten jede 100m an, die noch fehlten. Er war echt am Anschlag, aber machte es dann doch. Oben klatschten wir ab und rollten runter. Im Ziel kam er dann mit einem kleinen Bier und meinte, “Numero Uno”, im Sinne das werden jetzt mehr, ja er kam dann noch zwei Mal. Unten nochmal das Höhenprofil mit den erwähnten letzten Spitzen vor dem Ziel.

Im Ziel

Diesmal war das ganz anders, als ich hier ins Ziel fuhr, klatschten und jubelten so viele Leute und freuten sich mit für mich. Mallorca war ähnlich, aber doch eher eine anonyme Masse. Hier empfand ich das fast schon familiär, denn viele habe ich unterwegs kennen gelernt und hier wieder getroffen.

Selten habe ich mit so vielen Fahrern gesprochen und sah auch, wie das andere taten. Man fuhr hier einfach nicht für sich alleine, sondern irgendwie zusammen. Diese Jubelparty im Ziel, einer Seitenstraße in San Remo’s Altstadt, war ausgelassen und kommunikativ, wie ich das so noch nicht erlebt habe. Auf den 300 km lernten sich eben viele Leute kennen und die feierten nun zusammen. Das war echt schön.

Ich genoss die Atmosphäre ausgiebig, suchte und fand viele mir inzwischen bekannte Fahrer und wir tauschten uns aus, was auf der Strecke so alles geschah. Ausgiebig heißt, ich war einer der Letzten, auch weil ich am Zeitnahme Pult noch Strom für mein Handy bekam.

Als alles abgebaut war, kam noch ein junger Slowene, etwa Anfang 30, den ich mich unterwegs kennen lernte, er berichtete von einem kompletten Einbruch und sah auch so aus. Ich konnte noch dafür sorgen, dass er dennoch in die Wertung kam. Am Ende fand es mein Ego nicht schlecht, dass noch viele, wesentlich jüngere nach mir ins Ziel kamen, klar oder? 🙂

Die Rückreise

Ohne nochmal an der Küste, die Via Aurelia entlangfahren, die wunderschönen kleinen Ortschaften, Allassio, Petra Ligure, Finale Ligure, Andora, … durchqueren, kann ich doch nicht zurück reisen. So nahm ich diese 150 km Etappe von San Remo mit Stationen in den erwähnten Orten zum Bahnhof nach Genua in Angriff.

Die Fahrt hinein nach Genua dauert schon echt lang und du bist mit dem Rennrad im Stadtverkehr unterwegs. Immer wieder staune ich, wie das, was nach Chaos aussieht, vom Schwarm der Verkehrsteilnehmer in eine Ordnung orchestriert wird, die von gegenseitiger Achtung und Rücksicht geprägt ist. Hupen ist kein Ausdruck von Aggressivität, sondern eine Sprache und manchmal meine ich, sie hätte auch Dialekte. Mir kommt es so vor, als gilt hier eine Vereinbarung, dass alle voran kommen. Wenn die Autos in einer Schlange stehen, machen sie Platz, damit die Zweiräder vorbeikommen, lassen mir als schnellen Radfahrer immer eine Lücke offen und beschweren sich nie, wenn ich doch noch vorne rein will.

An einem Fußgängerübergang stürzte plötzlich ein Mann, sein Einkauf rollte davon, er lag auf der Straße und schien wirklich angeschlagen, sofort sprangen alle aus ihrem Auto um zu helfen und sich um ihn zu kümmern. Der Verkehr musste eben warten und das akzeptierten alle, niemand hupte, niemand forderte Weiterfahren ein.

Und da waren sie dann wieder, die Moped und Motorroller an der Ampel und das bekannte Spiel begann erneut und ich erntete wieder verdutzte Blicke. Nun, mit dem Rennrad habe ich eine wesentlich schnellere Beschleunigung von 0 auf 35 km/h, wenn ich von der roten Ampel zur nächsten sprinte. Dort angekommen schauen mich die perplexen Moped- und Motorrollerfahrer immer verwundert an und mancher lachte und salutierte.

An der Statione Genova Principe wartete dann ein Zug, der mich und mein Velo ohne Umsteigen nach Zürich bringt. Also Ticket kaufen, Platz finden und ab ins Zugrestaurant. Nach einem zugegeben etwas übersichtlichen Thai Curry mit Huhn und 2 Feldschlösschen war es dann Zeit für die Siesta. So vergingen die 5 Stunden bis Zürich ziemlich flott.

Impressionen

Fazit

Hätte ich’s nicht gemacht, würde ich vor dieser epischen Strecke immer noch träumen und episch ist sie definitiv. Mache ich das nochmal, eher nicht, wegen den ersten 150 km und Küstenstraße fahren kann ich auch so. Dafür gibt es noch viele andere Abenteuer zu entdecken. Das Gemeinschaftsgefühl allerdings war eine Klasse für sich, das war wunderschön, hatte ich so noch nicht. Am Ende sind es immer die Begegnungen die bleiben.

Also, auf zum nächsten Event,

Roland

PS: Für die das Intro verpasst haben:

Neues Jahr und neue Ziele (2) – Milano San Remo

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